Hans-Jürgen Gaugl

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Zukunftstrend Individualisierung: Kultur der freien Wahl

Meiner Beobachtung nach steigt das Selbstbewusstsein der Gesellschaft.

Wer bin ich, wie individuell bin ich, was bin ich in Zukunft?

Solche und andere Fragen hat sich anscheinend schon der antike Philosoph Aristoteles vor über 2.300 Jahren gestellt, denn wir haben ein Zitat von ihm gefunden, das geht so: „Man muss etwas vom Wesen der Bewegung verstehen, um einen Sinn für die Zukunft zu erlangen.“ Bewegung im Sinne von "es tut sich was".

Es tut sich also etwas in der Gegenwart, das auch Auswirkungen in der Zukunft haben wird. Wir haben der "Wir sind 1" Gemeinschaft die Studie des Zukunftsinstitutes zu den Megatrends ja bereits ein wenig vorgestellt - heute widmen wir uns einem Megatrend, der eben auch schon da ist und in Zukunft sich noch verstärken wird: Individualisierung.

Konkret geht es dabei um die Kultur der freien Wahl! Das heißt: Welchen Partner, welche Partnerin ich mir aussuche, was ich wo oder wann konsumiere – diese und andere Entscheidungen bleiben einem selbst überlassen: Selbstdarstellung im Netz, Selfdesign (dabei geht es ums "Nachhelfen" bei der eigenen Schönheit), Selftracking (die Nutzung von Apps wie z. B. Runtastic), do-it-yourself – das sind nur einige Schlagworte, die dem Individualisierungs-Trend entsprechen. Und es geht bei diesem Trend auch darum, dass Individuen ein neues „Wir“ suchen und finden wollen.

Wir möchten euch heute ein Mitglied von "Wir sind 1", ein niederösterreichisches EPU vorstellen, bei dem der Trend "Individualisierung" ein ganz zentrales Element seiner Arbeit ist: Mag. Hans –Jürgen Gaugl, MSc.: Jurist, Mediator, Autor einiger Bücher und Lehrender bei der ARGE Bildungsmanegement (Institut für Beratungs- und Managementwissenschaften an der Sigmund Freud Privatuniversität - SFU).

Wir sind 1: Lieber Hans-Jürgen, bitte beschreibe uns dein Angebot als EPU.

Hans-Jürgen: Als Mediator und Konfliktcoach begleite ich Menschen in schwierigen Situationen, wie z. B. in Streitsituationen. Mit meiner Unterstützung kommen meine Kunden zu Lösungen, bei denen auf die übliche Einteilung in Gewinner und Verlierer verzichtet werden kann.

Ein schönes Beispiel dazu in Anlehnung an Paul Watzlawick: Eine Mutter kommt zu ihren Kindern, die sich um eine Orange streiten. Jedes der Kinder will die Orange für sich haben. Die Mutter entscheidet: „Wir haben nur eine, nehmen wir ein Messer und teilen sie.“ Man würde meinen, dass beide Kinder mit ihrer Hälfte zufrieden sein sollten. Allerdings reagieren beide eher grantig und lassen ihre Hälfte der Orange liegen… Als Mediator würde ich fragen wofür die Orange gebraucht wird. Es könnte doch sein, dass ein Kind nur die Schale zum Basteln braucht, das andere nur das Fruchtfleisch für einen frischen Saft. Mediation hilft also, auf ein zuerst unmöglich scheinendes Ergebnis zu bekommen -- so, dass ohne viel Aufwand aus 100 Prozent 200 Prozent erzielt werden können.

Wir sind 1: Wie kam es dazu, dass du dich selbständig gemacht hast?

Hans-Jürgen: Als Jurist habe ich jahrelang darum gekämpft, dass Menschen Gerechtigkeit erfahren. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die geltenden Paragrafen zwar wunderbar sind, im Einzelfall aber viel zu selten zu Lösungen führen, die auch wirklich als gerecht empfunden werden. Eine Person war immer Gewinner und eine Verlierer. Und wenn man sich vor ein Gericht stellt und die Menschen beobachtet, die herauskommen, spürt man sehr rasch, dass selbst die Gewinner sich nicht wirklich wohl fühlen in ihrer Haut - zu vieles ist oft noch unerledigt und hat keinen Platz gefunden im Urteil. Das und die Tatsache, dass mich Bekannte in schwierigen Situationen oft nach Rat gefragt haben, haben mich veranlasst Mediation zu studieren und nun seit einigen Jahren auch erfolgreich anzubieten.

Wir sind 1: Lass uns über den Trend „Individualisierung“ reden. Wie wirkt sich Individualisierung aus, wie beeinflusst sie deine Arbeit?

Hans-Jürgen: Das ist ein ganz zentrales Element meiner Arbeit! Denn: Ich biete nicht Lösungen von der Stange an, sondern ich begleite Menschen dabei, individuelle Lösungen hervorzukramen und umzusetzen. Ich weiß, dass jeder, der mit einem Problem zu mir kommt, die Lösung bereits in sich trägt. Ich begleite Menschen dabei, an sich zu glauben und diese Lösung zu entdecken. Ein trauriges Beispiel: Viele Leute befinden sich im Trennungskrieg, oft erleben ihre Kinder das hautnah mit. Wenn es beginnt unschön zu werden, holen sich viele Ratschläge aus Internetforen und überlegen, wie man den anderen so richtig über den Tisch ziehen kann. Nach dem Scheidungsurteil sind aber oft sogar die „Gewinner“ unzufrieden und unglücklich. In der Mediation sprechen wir auch Verletzungen an und lassen damit auch den Gefühlen Platz auf dem Weg zu Lösungen.

Wir sind 1: Welche Auswirkung hat Individualisierung auf das Familienleben, bzw. Berufsleben deiner Erfahrung nach?

Hans-Jürgen: Meiner Beobachtung nach steigt das Selbstbewusstsein der Gesellschaft. Es wird von einem gefordert kreativ zu sein und sich selbst zu finden. Als Individuum sucht man Wertschätzung dafür. In dem Moment wo man die von seinem Chef, seiner Chefin oder von Familienmitgliedern nicht bekommt, führt das schnell zu Konflikt und Streit. Ich finde, das kann als Chance gesehen werden, endlich dazu zu stehen, dass man individuelle Lösungen braucht. Man ist nicht die Personalnummer oder das Abbild eines Menschen aus einem Hollywoodstreifen: man ist ein wertvoller Mensch gerade dafür, einzigartig zu sein - und man will als solches gesehen und geschätzt werden. Und ein Konflikt ist die Chance, zu erkennen, dass vielleicht genau die Wertschätzung dafür zu kurz gekommen ist - und daran ganz leicht etwas geändert werden kann. Streit als Chance auf den Startschuss in ein besseres Miteinander für alle Beteiligten.

Im Beruflichen Kontext ist das sogar von betriebswirtschaftlich oft unterschätzter Bedeutung: Studien belegen, dass bist zu 30 % des Personalaufwandes Konfliktkosten sind. Da ist ein enormes Potential wenn man auf Mitarbeiter eingeht und ihre Kreativität zulässt. Wer das erkannt hat, hat die Straße zum Erfolg entdeckt - und dabei können meine Kolleginnen und Kollegen aus der in Österreich noch jungen Mediationsbranche und ich wertvolle Unterstützung anbieten. Unbedingt ausprobieren!

Wir sind 1: Hast du den Eindruck, dass diese Entwicklung unsere Gesellschaft überfordert?

Hans-Jürgen: Ja, ich denke das liegt oft an der Sprache. Bereits im Kindergarten lernen wir zum Beispiel, dass es sich gehört, sich zu entschuldigen. Kinder wissen dabei oft gar nicht, warum das Wort so bedeutsam ist. Aber um des lieben Friedens Willen sagen sie es halt. So bekommt es eine Bedeutungslosigkeit, die man spürt - ja die einen sogar auf die Palme treiben kann. Das Wort „Entschuldigung“ verliert die enorme Kraft, die in ihm wohnen könnte, wenn Sprache nicht bloß als Lautmalerei eingesetzt würde, die sich halt so gehört. Schade.

Das muss allerdings nicht so sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bereits kleine Änderungen zu riesigem persönlichen Erfolg bei meinen Klundinnen und Kunden führen. Da gehen wir beispielsweise die Regeln der "gewaltfreien Kommunikation" durch, bei welcher es im Wesentlichen darum geht, Sprache nicht als Aneinanderreihung wunderbarer Floskeln einzusetzen, sondern dem anderen zu zeigen: ich sehe Dich - Du interessierst mich, und zwar genau so, wie Du bist. Da lassen sich dann unendlich viele Missverständnisse, bei denen sprichwörtlich schnell aus einer Mücke ein Elefant werden kann, vermeiden. Diese Zeit, die man glaubt, in der schnelllebigen Gesellschaft nicht zu haben, rentiert sich dann zigfach.

Wir sind 1: Hast du abschließend Tipps für andere EPU?

Hans-Jürgen:

  • Habt den Mut zur eigenen Idee.
  • Glaubt an euer Geschäftsmodell.
  • Holt bei Tätigkeiten, die nicht so viel Spaß machen, Profis dazu. Es ist schade um die eigene Zeit, wenn man sich selbst zu lästig empfundenen Tätigkeiten zwingt nur um ein paar hundert Euro zu sparen. Freude ist mehr wert - auch in Zahlen ausgedrückt.

Möchtest du mit Hans-Jürgen in Kontakt treten? www.lassunsreden.at www.facebook.com/konfliktenergie Aktuellstes Buch: „Wenn Eltern sich streiten“ (in allen Buchhandlungen erhältlich, in NÖ zum Beispiel beim Domverlag in Melk: www.facultas.at/list?back=2a4dd140e5d82a0570427225f26a60a0&xid=76...)

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